Winter
EISGRENZE
Leseprobe: EISGRENZE
EISGRENZE
Ein Värmland-Krimi
Prolog — Das Eis singt
Julian Behr hatte gelesen, dass Eis nicht schweigt.
Er hatte vieles gelesen in den letzten Wochen, mehr als in zwei Semestern davor, aber dieser eine Satz war hängen geblieben, aus einem Aufsatz über Limnologie, den er eigentlich nur wegen einer Fußnote geöffnet hatte: Ein zufrierender See arbeitet. Er dehnt sich, er zieht sich zusammen, er verhandelt mit der Kälte. Und während er das tut, gibt er Töne von sich, die Menschen seit Jahrhunderten für Stimmen halten.
Jetzt stand Julian auf dem Djupsjön, zweihundert Meter vom Ufer entfernt, und der See verhandelte unter seinen Füßen.
Es war kein Knacken, wie er erwartet hatte. Es war ein Singen. Ein langgezogener, metallischer Ton, der irgendwo weit draußen begann, unter der Landzunge vielleicht, und dann durch die ganze Fläche lief, durch seine Sohlen, die Schienbeine hinauf, bis in die Zähne. Als würde jemand einen Finger über den Rand eines unvorstellbar großen Glases ziehen.
Zwei Grad kälter als gestern, hatte die Wetter-App gesagt. Minus siebzehn. Das Eis trug. Kern hatte es ihm erklärt, gleich in der ersten Woche, mit dem Ernst, den die Deutschen hier für alles Schwedische aufbrachten: Zehn Zentimeter tragen einen Menschen, Junge, aber der Djupsjön lügt. Über der Rinne bleibt er dünn, das siehst du nicht, das weißt du, oder du weißt es nicht.
Julian wusste es. Er hatte die Karte im Kopf, die Tiefenlinien, die ganze Bucht. Er hatte in den letzten Wochen so viel über diesen See gelernt, dass es für ein zweites Studium gereicht hätte. Nicht das Studium, für das er hergekommen war. Das andere. Das echte.
Er blieb stehen und sah zum Südufer hinüber.
Dort lagen die Sommerhäuser unter dem Schnee wie zugedeckte Möbel, und dahinter, als schwarzer Strich vor dem etwas helleren Himmel, das Bootshaus. Kein Licht. Noch nicht. Er war zu früh, natürlich war er zu früh, er war immer zu früh, Leonie lachte darüber, seit sie sich kannten. Du kommst sogar zu früh, wenn du zu spät kommen willst.
Leonie.
Er zog den Handschuh aus und tastete nach dem Telefon in der Innentasche, nur um es zu spüren, nicht um es zu benutzen. Der Entwurf war noch da, ungesendet, seit drei Tagen. Sechs Zeilen. Er hatte sie so oft umgeschrieben, dass er sie auswendig kannte, und trotzdem stimmten sie noch nicht. Wie erklärt man jemandem, den man liebt, dass man wegen einer Fußnote geblieben ist? Wegen eines Namens auf einem vergilbten Foto, wegen eines alten Mannes, der von Lichtern sprach, wegen einer Jahreszahl, die in diesem Dorf niemand aussprach, obwohl sie überall stand — am Gemeindehaus, auf dem Friedhof, in den Gesichtern?
Morgen, dachte er. Morgen schicke ich es ab, und übermorgen sitze ich im Zug, und dann erzähle ich dir alles von Anfang an, und du wirst sagen, dass ich verrückt bin, und danach wirst du die Fotos sehen und still werden, so wie ich still geworden bin.
Heute Nacht brauchte er nur noch das letzte Stück. Die Bestätigung. Er hatte alles richtig gemacht, ganz nach den Regeln, die man ihm beigebracht hatte: Erst die Dokumente, dann die Zeugen, dann die Gegenseite. Jedem die Chance zur Stellungnahme. Er hatte die Mail dreimal gelesen, bevor er sie abgeschickt hatte, höflich, sachlich, mit Quellenangaben, als wäre es eine Seminararbeit. Vielleicht war das naiv gewesen. Wahrscheinlich war es das.
Aber die Antwort war gekommen, noch am selben Abend, und sie war ruhig gewesen, beinahe freundlich. Ein Gespräch. Unter vier Augen, an einem Ort ohne Ohren. Sie wüssten ja beide, wie klein das Dorf sei.
Ein Ort ohne Ohren. Julian hatte fast gelacht. Der ganze See war ein Ohr.
Das Singen kam wieder, näher jetzt, ein tiefer Ton diesmal, der oben heller wurde und dann irgendwo hinter ihm verklang. Er spürte sein Herz. Nicht vor Angst, sagte er sich. Vor Kälte. Vor Größe. Es gab kein Wort für das Gefühl, nachts allein auf einem gefrorenen See zu stehen, unter einem Himmel, der keine einzige Wolke hatte und trotzdem kein Licht.
Dann sah er die Scheinwerfer.
Sie kamen die Südufer-Straße herunter, zwei weiße Kegel zwischen den Stämmen, verschwanden hinter der Böschung, tauchten wieder auf. Am Bootshaus schwenkten sie herum, einmal quer über den See — der Lichtbalken lief über das Eis wie etwas Lebendiges, erfasste ihn, ließ ihn wieder los — und erloschen.
Julian hob die Hand, obwohl das jetzt niemand mehr sehen konnte. Eine Autotür, gedämpft. Dann nichts. Der Schnee schluckte alles, hatte Kern gesagt, sogar die Wahrheit, und dann hatte er gelacht, als wäre es ein Witz.
Julian ging los, auf das Bootshaus zu.
Unter der Landzunge sang das Eis, lang und hoch und geduldig, und er dachte, dass er diesen Ton vermissen würde, zu Hause, in einem Land, in dem die Seen schwiegen. Er dachte an die sechs Zeilen in seiner Tasche. Er dachte: Übermorgen.
Hundert Meter vor dem Bootshaus blieb er noch einmal stehen und horchte. Schritte auf Schnee, irgendwo vor ihm, gleichmäßig, ohne Eile.
„Hallo?“, rief Julian. Seine Stimme trug weit über die Fläche und kam von nirgendwo zurück.
Die Lichter gingen aus. Und das Eis sang weiter.
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Kapitel 1 — Der Fund
Der Anruf kam um sieben Uhr zwölf, und Henrik Lund stand schon angezogen in der Küche, weil er seit Jahren vor dem Wecker aufwachte und es aufgegeben hatte, dagegen anzukämpfen.
„Lund.“
„Hier ist Åke.“ Eine Pause, in der man das Atmen hörte, stoßweise, als wäre der Mann gelaufen. Åke Brandt lief nie. „Du musst rauskommen. Zur Nordbucht.“
„Was ist mit der Nordbucht?“
„Ich hab gebohrt, für die Barsche, weißt du, und da —“ Wieder das Atmen. Im Hintergrund war Wind, und unter dem Wind etwas anderes, das Lund kannte und nicht gleich einordnete. Das Eis. Das Eis war laut heute Morgen. „Da liegt einer drin, Henrik. Im Eis. Da liegt einer im Eis.“
Lund stellte die Kaffeetasse ab, ohne getrunken zu haben.
„Rühr nichts an“, sagte er. „Bleib, wo du bist. Nicht auf den Fund zugehen.“
„Ich geh da sicher nicht hin“, sagte Åke Brandt, und seine Stimme kippte ins Hohe. „Ich geh da ganz sicher nicht hin.“
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Die Fahrt zur Nordbucht dauerte elf Minuten, wenn die Straße frei war. Sie war frei. Um diese Jahreszeit war sie immer frei, es gab niemanden mehr, der sie brauchte, seit das Sägewerk zu war und die Sommerhäuser schliefen. Lund fuhr an der Kirche vorbei, am Dorfladen, in dem hinter der Scheibe schon Licht brannte — Maj-Britt sah ihm nach, er sah es, ohne hinzusehen —, dann kam der Wald, dann kam der See.
Der Djupsjön lag unter dem frühen Grau wie etwas, das sich schlafend stellt.
Minus achtzehn, hatte das Thermometer am Küchenfenster gesagt. Die Kälte stand zwischen den Stämmen wie Rauch. Über der Fahrbahn hing der Atem des Waldes, gefrorener Nebel in Fetzen, und als Lund aus dem Wagen stieg, nahm ihm die Luft für einen Moment die Stimme, wie sie es im Dezember immer tat, und wie immer war er beinahe dankbar dafür.
Åke Brandt stand neben seinem Angelschlitten am Ufer, zwanzig Meter vom Eis entfernt, obwohl er dem Eis sein halbes Leben anvertraut hatte. Er hatte die Arme um sich geschlagen. Sein Gesicht hatte die Farbe des Sees.
„Wo?“, fragte Lund.
Brandt hob das Kinn, mehr Richtung als Geste. Draußen in der Bucht, vielleicht hundertfünfzig Meter, lagen seine Sachen verstreut — der Eisbohrer, ein umgekippter Eimer, die kleine Rute, alles einfach fallen gelassen, eine Fluchtspur aus Gerät. Dahinter war das Eis dunkler. Neueis, in der Nacht gewachsen, schwarz und glatt wie poliert.
„Ich hab erst gedacht, ein Sack“, sagte Brandt. „Von den Bauleuten, weißt du, die schmeißen ja alles — ich hab gedacht, ein Sack. Dann hab ich die Hand gesehen.“
„Bist du nah rangegangen?“
„Zwei Schritte. Drei.“ Brandt sah ihn an. „Er liegt unterm Eis, Henrik. Er liegt da drunter und guckt raus.“
„Geh in dein Auto und mach die Heizung an“, sagte Lund. „Fahr nicht weg.“
Er holte die Tasche aus dem Kofferraum, die Stangen für die Absperrung, das Seil, die Spikes für die Schuhe. Seine Hände machten das allein, sie hatten es oft genug gemacht, bei ertrunkenen Elchen, bei einem Wolfshund vor vier Jahren, einmal bei einem Schneemobil samt Fahrer, der betrunken die Rinne unterschätzt hatte. Die Hände wussten Bescheid. Nur dass sie heute langsamer waren, das merkte er, als er die Spikes verschnallte, eine Spur zu sorgfältig, als ließe sich damit etwas aufschieben.
Die Nordbucht. Von allen Buchten des Sees ausgerechnet die Nordbucht.
Lund richtete sich auf und ging aufs Eis hinaus.
Es trug gut, hier drinnen. Zwanzig Zentimeter, eher mehr, unter dem verwehten Schnee. Seine Schritte knirschten, und weit draußen, unter der Landzunge, antwortete der See mit einem seiner langen Töne, die im Winter zum Dorf gehörten wie das Läuten. Neuankömmlinge erschraken davor. Die Deutschen vom Südufer stellten Videos davon ins Internet, hatte ihm seine Tochter erzählt, mit Worten wie „mystisch“ darunter. Für Lund war es einfach das Geräusch, das entstand, wenn etwas Großes unter Spannung stand und nicht nachgeben durfte.
Bei Brandts Bohrloch blieb er stehen und sah auf die Sachen hinunter, den umgekippten Eimer, drei gefrorene Barsche darin wie aus Zinn gegossen. Dann sah er weiter, zum dunklen Neueis, und dann sah er ihn.
Der Mann lag auf dem Rücken, einen halben Meter unter der Oberfläche vielleicht, weniger. Das Neueis über ihm war klar wie Fensterglas. Er lag mit ausgebreiteten Armen, die Jacke aufgetrieben und wieder erstarrt, und sein Gesicht war dem Himmel zugewandt, den Augen nach zu urteilen ohne Eile, beinahe aufmerksam, als hätte er dort unten etwas entdeckt, das Zeit brauchte.
Er war jung. Das sah man trotz allem. Und Lund kannte ihn.
Nicht mit Namen, nicht sofort — aber er hatte dieses Gesicht gesehen, im Herbst, auf dem Parkplatz vor dem Gemeindehaus, hinter einem Klemmbrett. Einer von den Projektleuten. Der Praktikant. Der Deutsche, der die Vogelzählungen machte und die Wasserproben, der im Dorfladen auf Schwedisch grüßte und auf Englisch bezahlte, der bei Kern am Südufer wohnte. Freundlicher Junge, hatte Maj-Britt gesagt. Stellt Fragen wie ein Alter.
Lund hockte sich hin, in gebührendem Abstand, und blieb so, länger als nötig.
Die Bucht war still. Der Wind hatte über Nacht den Schnee von der Fläche gefegt und ihn ans Ufer gelegt, in langen, sauberen Wehen, wie aufgeräumt. Keine Spuren, die etwas taugten. Was gestern hier gewesen war, hatte der Wind mitgenommen, und was das Eis wusste, behielt es unter Verschluss, bis jemand kam und es aufbrach.
„Nicht du“, sagte Lund leise, zu niemandem.
Er sah zum Südufer hinüber, wo hinter der Landzunge die Dächer der Sommerhäuser lagen, und weiter links, als niedriger, dunkler Kasten am Wasser, das alte Bootshaus. Von hier aus war es kaum zu erkennen. Man musste wissen, dass es da war.
Lund wusste, dass es da war.
Zweiunddreißig Jahre, dachte er, und stand auf, bevor der Gedanke eine Fortsetzung fand.
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Dann begann der Teil, der aus Telefonaten bestand.
Er rief Karlstad an, die Leitstelle, meldete den Fund: männliche Person, im Eis eingeschlossen, Fremdeinwirkung nicht auszuschließen, Fundort Nordbucht des Djupsjön, Gemeinde Askeviken, Zufahrt über die alte Sägewerksstraße. Die Frau in der Leitstelle war jung und gründlich und fragte zweimal nach dem Ortsnamen. Es gab drei Askeviken in Schweden. Seins war das, von dem sie noch nie gehört hatte.
Er rief Doktor Lindgren an, der den Totenschein machen würde, bis die Rechtsmedizin übernahm. Er rief Ragnar an, seinen einzigen Kollegen, der eigentlich frei hatte und dessen Frau am Telefon erst seufzte und dann nach dem Wer fragte, und Lund sagte, das wisse man noch nicht, und hörte selbst, wie wenig das nach Wahrheit klang.
Dann stand er am Ufer und wartete, und das Warten war das Vertrauteste an diesem Morgen.
Ragnar kam als Erster, in Zivil, mit zwei Thermoskannen und dem zerknitterten Gesicht eines Mannes, der an seinem freien Tag geweckt worden war und sich nichts anmerken lassen wollte. Er war Mitte dreißig, in Filipstad aufgewachsen, seit sechs Jahren in Askeviken und damit nach dörflicher Rechnung noch im Probejahr. Er stellte die Kannen aufs Wagendach, sah aufs Eis hinaus, dorthin, wo Brandts verstreutes Gerät lag, und stellte keine der Fragen, die ihm anzusehen waren.
„Der Praktikant vom Projekt“, sagte Lund. „Behr.“
Ragnar atmete aus, langsam, durch die Nase. „Der mit den Vogelzählungen.“
„Ja.“
„Der hat mir im Oktober erklärt, was ein Prachttaucher ist. Ich bin hier aufgewachsen, und ein Deutscher erklärt mir den Prachttaucher.“ Ragnar schraubte eine der Kannen auf, goss ein, gab Lund den Becher, ohne zu fragen. „Ich fand das nicht mal schlimm. Er hat das so gemacht, dass man sich nicht dumm vorkam.“
Sie tranken und sahen aufs Eis. Der Kaffee war zu heiß und zu dünn und genau richtig.
„Was sage ich den Leuten?“, fragte Ragnar. „In einer Stunde weiß es der halbe Ort. Maj-Britt hat mich schon gesehen, als ich vorbeigefahren bin.“
„Du sagst, dass es einen Toten gibt und dass Karlstad ermittelt. Keinen Namen, bevor die Angehörigen es wissen.“ Lund trank aus. „Und du hörst zu, was sie dir antworten. Was sie fragen. Wer nicht fragt.“
Ragnar nickte langsam. „Du glaubst nicht an einen Unfall.“
„Ich glaube gar nichts“, sagte Lund. „Das ist der Teil der Arbeit, den keiner mag.“
Åke Brandt saß derweil in seinem Volvo, die Scheiben beschlagen. Ab und zu wischte er ein Guckloch frei und sah zu Lund heraus, als wollte er sich vergewissern, dass wenigstens etwas an diesem Morgen am erwarteten Platz war. Um kurz nach neun schob sich die Sonne über die Bäume am Ostufer, ohne Wärme, eine blasse Scheibe hinter Milchglas, und färbte das Eis für eine halbe Stunde in einem Rosa, das an diesem Morgen wie Hohn wirkte.
Die Kolonne aus Karlstad kam um zehn: zwei Streifenwagen, der Bus der Kriminaltechnik, dahinter der Wagen der Rechtsmedizin, vorsichtig auf der vereisten Straße, eine Prozession mit Blaulicht, das keiner brauchte. Lund kannte den Einsatzleiter flüchtig, ein großer, junger Kommissar namens Wallin, der zu der Sorte gehörte, die beim Reden aufs Handy sah und trotzdem alles mitbekam, das musste man ihm lassen.
„Lund, richtig?“ Wallin gab ihm die Hand, kurz und fest. „Sie sind hier der Ortskundige.“
„Ich bin hier die Polizei“, sagte Lund.
Wallin sah von seinem Handy auf, einen Moment lang, und etwas in seinem Gesicht sortierte sich um. „Natürlich“, sagte er. „Dann zeigen Sie uns mal Ihren See.“
Die Techniker bauten das Zelt über der Fundstelle auf, weiß und viel zu hell für die Landschaft, ein Fehler im Bild. Sie sägten das Eis in Blöcken auf, mit einer Sorgfalt, die etwas Feierliches hatte, und irgendwann am frühen Nachmittag hoben sechs Männer den Toten mitsamt seinem gläsernen Sarg auf eine Trage, und der See gab ihn her mit einem Geräusch, das Lund nicht vergessen würde: einem tiefen, widerwilligen Seufzen aus der ganzen Bucht, als hätte man etwas aus ihm herausgebrochen, das er für sich behalten wollte.
Die Papiere fanden sich in der Innentasche der Jacke, wasserdicht verpackt in einem dieser kleinen Beutel, wie Wanderer sie benutzen. Ordentlicher Junge, sagte einer der Techniker, und meinte es nicht böse, und Wallin las den Namen von der aufgequollenen Karte ab, erst leise für sich, dann laut.
„Julian Behr. Deutscher Staatsbürger, geboren in Freiburg.“ Er sah auf. „Sagt Ihnen der Name was?“
„Er hat für das Resort-Projekt gearbeitet“, sagte Lund. „Umweltgutachten. Wasserproben, Zählungen. Er wohnte am Südufer, bei einem Landsmann. Seit September, würde ich sagen.“
„Sie wissen das einfach so.“
„Es ist ein kleiner Ort.“
Wallin nickte langsam und sah über den See, das Zelt, die Sägeschnitte im Eis, die jetzt wie Nähte aussahen. „Irgendein Grund, warum ein deutscher Praktikant nachts allein auf Ihren See hinausläuft, drei Kilometer von seinem Bett entfernt?“
„Das Eis zieht die Leute an“, sagte Lund. „Manche gehen nachts raus, wegen der Sterne. Die Deutschen besonders.“
„Und? Glauben Sie das? Sterne?“
Lund sah zur Landzunge hinüber. Hinter ihr, unsichtbar von hier, lag das Bootshaus, und über der Rinne, das wusste jeder im Dorf und stand in keiner Karte, blieb das Eis dünn bis in den Januar. Der Junge hatte bei Kern gewohnt. Kern erklärte jedem, der es hören wollte und jedem, der es nicht hören wollte, den See. Der Junge hatte es gewusst.
„Ich glaube, das wird Karlstads Ermittlung“, sagte er.
„So ist es.“ Wallin steckte das Handy weg, zum ersten Mal an diesem Tag. „Aber Sie kennen die Leute hier. Wir werden Sie brauchen. Erzählen Sie mir von diesem Projekt.“
Und Lund erzählte, in den Sätzen, die er dafür übrig hatte: das Djupsjö Resort, hundertzwanzig Betten, Spa und Seehäuser, ein deutscher Investor, dem am Südufer das alte Sommerhaus seiner Familie gehörte und inzwischen deutlich mehr als das. Eine Bürgerversammlung nächste Woche. Ein Dorf, das sich darüber zerstritt, so gründlich, wie sich nur ein Dorf zerstreiten kann, das seit einer Generation stirbt und dem jemand ein Weiterleben anbietet, das es nicht wiedererkennen würde.
Wallin hörte zu, ohne zu unterbrechen. Dahinter, am Zelt, wurde die Trage zum Wagen der Rechtsmedizin gerollt, und Åke Brandt in seinem Volvo wischte sich ein neues Guckloch frei.
„Streit ums Projekt also“, sagte Wallin schließlich. „Gab es Drohungen? Gegen die Projektleute?“
„Briefe an die Gemeinde. Ein aufgeschlitzter Reifen im Oktober, am Wagen vom Anwalt. Nichts gegen den Jungen.“ Lund schwieg einen Moment. „Ihn mochten alle.“
„Das sagt man immer.“
„Hier sagt man es fast nie.“
Am Nachmittag, als das Licht schon wieder ging, nahm einer der Kriminaltechniker Lund beiseite, ein Älterer, den er von zwei, drei Einsätzen kannte. Sie standen am Heck des Busses, und der Techniker sprach leise, obwohl niemand in Hörweite war.
„Ist nicht offiziell, bis Rechtsmedizin durch ist“, sagte er. „Aber ich hab so was schon gesehen, und du bist hier von der Ortspolizei, du sollst wissen, was in deinem Dorf los ist.“ Er sah zum Zelt hinüber. „Der Junge hat Wasser in der Lunge, da geh ich jede Wette ein, der ist ertrunken, das ja. Aber die Jacke —“ Er machte eine Bewegung an seiner eigenen Schulter, ein Greifen. „Da stimmt was nicht mit der Jacke. Und mit den Handgelenken stimmt auch was nicht.“
Lund nickte, als wäre es Wetterbericht.
„Weiß Wallin es?“
„Wallin weiß es.“
„Gut“, sagte Lund, und der Techniker sah ihn kurz von der Seite an, weil es vermutlich nicht das Wort war, das er erwartet hatte.
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Auf dem Rückweg hielt er am Dorfladen, weil Nicht-Anhalten eine Aussage gewesen wäre.
Maj-Britt stand hinter der Kasse, wo sie seit vierzig Jahren stand, und im Laden waren um diese Uhrzeit vier Menschen, was einer Vollversammlung nahekam. Das Gespräch endete nicht, als Lund hereinkam. Es war schon vorher beendet worden, als sein Wagen draußen gehalten hatte.
Er nahm Brot, das er nicht brauchte, und Kaffee, den er brauchte, und legte beides auf das Band.
„Åke sagt, es ist der deutsche Junge“, sagte Maj-Britt. Es war keine Frage, also musste er nicht lügen. „Der von Kern. Der immer die Vögel gezählt hat.“
„Karlstad ermittelt“, sagte Lund. „Mehr gibt es noch nicht.“
„Er hat hier jeden Donnerstag Zimtschnecken gekauft. Sechs Stück.“ Maj-Britt tippte die Preise ein, ohne auf die Tasten zu sehen. „Ich habe ihn gefragt, wer die denn alle isst, und er hat gesagt: die Zeugen. Er hat die Leute befragt, für seine Arbeit, und wer mit ihm redet, kriegt eine Zimtschnecke.“ Sie schob ihm das Wechselgeld über den Teller. „Ich fand das klug. Für einen so jungen Menschen.“
Hinter Lund hatte einer der vier Männer den Kühlschrank geöffnet und wieder geschlossen, ohne etwas herauszunehmen. Per-Olof, vom Hof an der Kreuzung, einer von denen, die auf der Versammlung nächste Woche gegen das Resort schreien würden, mit Gründen, die drei Generationen alt waren.
„Sind die vom Projekt schon informiert?“, fragte Per-Olof, in den Raum hinein, an niemanden. „Der Anwalt. Der feine Herr Investor. Wissen die es schon?“
„Alles zu seiner Zeit“, sagte Lund.
„Weil die nämlich ein Interesse haben könnten“, sagte Per-Olof, und ließ den Satz stehen, wie man ein Werkzeug liegen lässt, mit dem man später weiterarbeiten will.
„Per-Olof“, sagte Maj-Britt, freundlich und endgültig, und Per-Olof nahm sein Bier und ging zur Kasse, und mehr wurde an diesem Tag im Dorfladen nicht gesagt, jedenfalls nicht, solange Lund darin stand.
An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Wenn jemand in den letzten Tagen etwas gesehen hat“, sagte er, „am See, an der Südufer-Straße, nachts — dann bin ich zu erreichen. Auch für Dinge, die vielleicht nichts sind.“
Vier Gesichter sahen ihn an, und keins davon sagte etwas, aber Lund kannte das Schweigen dieses Ortes gut genug, um seine Sorten zu unterscheiden. Dies war die nachdenkliche Sorte. Damit konnte man arbeiten, später, mit Geduld.
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Es war halb fünf und vollständig Nacht, als Lund als Letzter am See stand. Die Kolonne war abgefahren, das Zelt abgebaut, die Fundstelle mit Flatterband gesichert, das im aufkommenden Wind Geräusche machte wie etwas Gefangenes. Morgen würden sie wiederkommen, mit Tauchern vielleicht, mit Hunden, mit allem, was die Region aufbieten konnte, wenn ein toter Ausländer in einem toten Dorf gefunden wurde.
Lund stand am Ufer und aß die Brote, die er um sieben Uhr früh geschmiert und dann vierzehn Stunden lang vergessen hatte.
Der See lag schwarz vor ihm. Irgendwo draußen arbeitete das Eis an der Stelle weiter, die man ihm herausgesägt hatte, überzog die Wunde mit neuem Glas, Millimeter um Millimeter, geduldig, gründlich. In einer Woche würde man nichts mehr sehen. Das Eis vergaß schnell. Der See darunter vergaß nie, aber das war eine andere Geschichte, das war Vargs Satz, nicht seiner, und er wollte ihn nicht gedacht haben.
Zweiunddreißig Jahre.
Damals war es dieselbe Woche im Dezember gewesen, dieselbe Kälte, dasselbe singende Eis, nur die Bucht war eine andere gewesen: die kleine Bucht am Südufer, beim Bootshaus. Ein anderes Zelt, andere Männer, eine andere Trage, und am Ufer ein junger Polizist, der zweiundzwanzig war und sich die Hände nicht in den Taschen wärmen mochte, weil ihm das pietätlos vorkam. Der noch dachte, dass Wahrheit eine Frage der Zeit sei. Der noch nicht wusste, dass ein Dorf einen Menschen einfrieren kann, ohne dass es dafür einen See braucht.
Lund faltete das Brotpapier zusammen, so klein es ging, und steckte es in die Jackentasche.
Das Telefon klingelte, als er den Wagen aufschloss. Eine Stockholmer Nummer, das Reichskriminalamt, eine Frau, die sich mit Namen und Abteilung meldete und beides gleich wieder unwichtig machte, weil sie zur Sache kam: Der Tote sei deutscher Staatsbürger, der Fall habe „Dimension“, das Bundeskriminalamt in Wiesbaden habe die Entsendung einer Verbindungsbeamtin angeboten, man habe angenommen. Die Kollegin sei erfahren, spreche Schwedisch, sie komme nicht, um zu übernehmen, sondern um zu unterstützen. Ob es vor Ort eine Unterbringung gebe.
„Es gibt ein Gästehaus“, sagte Lund. „Der Ofen funktioniert.“
Die Frau in Stockholm ließ eine Pause, in der sie vermutlich entschied, das für Humor zu halten. „Sie erreicht Karlstad morgen Mittag. Kommissarin Helena Rost. Man sagt, sie sei gründlich.“
„Gut“, sagte Lund.
Er beendete das Gespräch, legte das Telefon auf den Beifahrersitz und blieb noch einen Moment stehen, die Hand auf der offenen Wagentür. Draußen auf der Fläche lief ein Ton durch die Dunkelheit, lang und hoch, von der Landzunge bis unter seine Füße, und verklang irgendwo im Wald am Ostufer.
Eine Deutsche, dachte Lund. Nach zweiunddreißig Jahren schickten sie ihm eine Deutsche.
Er sah auf den schwarzen See hinaus und sagte, zu niemandem: „Dann soll sie warm anziehen.“
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Der Värmland-Rapport
Wer wissen will, wann der nächste Pegel fällt, bekommt es zuerst von mir. Der Värmland-Rapport erscheint selten und nur, wenn es etwas zu sagen gibt — einen Erscheinungstermin, eine Szene, die es nicht ins Buch geschafft hat, eine Karte des Nordufers.