Frühjahr

TAUWASSER

Leseprobe: TAUWASSER

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TAUWASSER Ein Värmland-Krimi Vorwort Dieses Buch hält dir nichts vor. Alles, woraus der Fall gelöst wird, steht im Text, bevor er gelöst ist. Keine Zeugin, die im vorletzten Kapitel auftaucht und sich erinnert. Kein Labor, das ein Ergebnis liefert, das vorher niemand erwähnt hat. Was die Ermittler wissen, weißt du zur selben Zeit. Wenn du am Ende sagst, das hätte ich früher sehen können, dann stimmt das, und es war so gebaut. Das Material ist unspektakulär. Ein Fuhrenheft mit vier Spalten, in dem ein Räumdienstfahrer seit achtzehn Jahren jede Fahrt einträgt. Das Heft einer Bäckerin: angesetzt, verkauft, übrig. Eine Liste im Gemeindeamt, auf der steht, wer sich um wen kümmert. Kontoauszüge. Ein Inventarverzeichnis. Ein Werbekalender mit Strichen an den Mittwochen. Menschen führen solche Hefte nicht, um Verbrechen aufzuklären. Sie führen sie, weil ihnen sonst der Tag durch die Finger geht. Genau deshalb sind sie brauchbar. Ein Heft, das ohne Absicht geführt wird, lügt nicht mit — es hat keinen Grund dazu. Und wenn in achtzehn Jahren eine einzige Zelle leer bleibt, dann ist diese Lücke eine Auskunft. Du wirst in diesem Buch keine Tat sehen. Das ist keine Zurückhaltung aus Zartgefühl, sondern eine Entscheidung über den Blickwinkel. Es gibt nichts, was das Ausmalen des Sterbens einer Frau über den Fall verraten würde, das die Papiere nicht besser verraten. Gewalt wirkt hier über das Danach: über eine Zufahrt, die geräumt ist, obwohl niemand mehr kommt. Über eine Rechnung, die zu hoch ist. Über zwei abgesagte Pflegetermine in vier Jahren Dokumentation. Es gibt kein Geständnis. Auch das ist Absicht. Ein Geständnis ist der bequemste Schluss, den ein Krimi nehmen kann, und der unehrlichste, weil er die Arbeit erspart. Hier trägt die Kette oder sie trägt nicht, und du kannst mitrechnen, ob sie trägt. Ein Vorschlag zur Handhabung: Lies langsam an den Stellen, an denen Zahlen stehen. Sie sind nie Dekoration. Wenn dir eine Uhrzeit, ein Betrag oder ein Datum genannt wird, dann wird es später gebraucht. Du musst nichts mitschreiben. Aber wenn du es tust, wirst du an vier oder fünf Stellen vor den Ermittlern stehen, und das ist der eigentliche Zweck der Sache. Der Ort in diesem Buch hat hundertzwölf Einwohner. Fünf Monate lang hat keiner von ihnen die Vermisste als vermisst gemeldet, und keiner von ihnen ist ein schlechter Mensch. Wie beides zusammengeht, ist die Frage, um die es hier geht. Der Rest ist Papier. Kapitel 1 — Der Berg Um zwanzig nach sechs stand Ove Sandberg in der Wache. Lund sah ihn durch die Glasscheibe der Innentür, bevor er ihn hörte. Der Mann stand vor dem Tresen, die Mütze in der Hand, die Jacke offen. Er hatte die Stiefel auf der Matte abgestreift, ordentlich, zweimal jeden Fuß. Auf dem Boden lag ein halbmondförmiger Fleck aus Schmelzwasser. Ove Sandberg rief an. Er rief immer an. Seit Lund auf diesem Posten saß, hatte der Mann jeden Vorgang telefonisch gemeldet, den Streuwagen mit Kupplungsschaden, den umgestürzten Baum an der Sägewerksstraße, den Kabelschacht, den ein Fuchs freigelegt hatte. Kein einziges Mal war er gekommen. Lund stellte die Kanne zurück und ging hinaus. „Ove.“ „Der Berg ist runter“, sagte Ove Sandberg. Draußen tropfte es vom Dachvorsprung in einem Takt, schneller als gestern. Es hatte in der Nacht zum ersten Mal nicht gefroren, was man nicht am Thermometer merkte, sondern daran, dass das Tropfen nicht mehr aufhörte. Lund hatte es an den Meisen gemerkt, die schon um halb fünf am Küchenfenster gewesen waren, und daran, dass der Weg zum Auto weich war, nicht hart. „Bis auf den Grund?“ „Bis auf das, was drin lag.“ Ove Sandberg drehte die Mütze eine Vierteldrehung in den Händen. Er sah nicht auf. „Wo genau“, sagte Lund. „Abkippstelle. Am Zaun.“ Ove Sandberg war seit neunzehn Jahren der Räumdienst und davor fünfzehn Jahre der Fahrer der Molkerei, bis die Molkerei zumachte, und davor der Sohn des Mannes, der die Molkerei gefahren hatte. Er wohnte im Haus seiner Eltern am Nordende, allein, seit die Frau vor zehn Jahren gegangen war, nicht gestorben. Gegangen. Nach Karlstad. Und niemand im Dorf hatte je gehört, dass er darüber ein Wort verloren hätte. Er fuhr. Er fuhr im Winter den Räumwagen und im Sommer den Mäher an den Straßenrändern und im Herbst den Anhänger für den Bauhof. Er hielt an, wenn jemand am Straßenrand stand, und fragte, ob er mitwolle, und wenn der andere nein sagte, fuhr er weiter, ohne dass es ihn gekränkt hätte. Lund hatte ihn in zweiunddreißig Jahren nie wütend gesehen und nie betrunken und nie lachen. Er hatte ihn einmal weinen sehen, bei der Beerdigung seiner Mutter, in der dritten Reihe, mit dem Gesicht nach vorn, und Ove hatte es nicht gemerkt oder so getan. Lund hatte danach nie davon gesprochen, weil man das hier nicht tat. Lund holte die Jacke. Er bot keinen Kaffee an, weil er wusste, dass Ove Sandberg um diese Zeit schon zwei getrunken hatte, und weil ein Mann, der zum ersten Mal in zweiunddreißig Jahren persönlich kam, nicht wegen eines Kaffees stehen blieb. An der Tür blieb Ove Sandberg trotzdem stehen. „Ich fahr hinterher“, sagte er. Die alte Sägewerksstraße lag im Schatten des Hangs, und dort hielt sich der Schnee noch in schmutzigen Rippen zwischen den Stämmen. Auf der offenen Fläche vor der alten Halle war er weg. Der Boden dampfte nicht, dazu war es zu kühl, aber er gab unter den Reifen nach, und aus jeder Radspur lief Wasser in die nächste. Lund parkte quer, damit niemand hinter ihm durchkam. Der Schneeberg an der Abkippstelle war den ganzen Winter über gewachsen. Ende Januar hatte er die Höhe des Zauns überragt, ein grauer Wall mit schwarzen Streifen aus Splitt und Reifenabrieb, an der Südseite kantig abgeschoben, an der Nordseite rund. Jetzt war er ein Rest. Ein Haufen von Kniehöhe, mit einer Kruste aus Schmutz überzogen, an den Rändern ausgefranst. Vor dem Schneehaufen lag die Frau. Lund ging nicht sofort hin. Er blieb bei der offenen Wagentür stehen und sah auf die Fläche. Der Kies zwischen Berg und Zaun war überspült, überall stand Wasser in flachen Blechen, in denen sich der Himmel doppelte. Vom Werk herüber kam der Geruch nach frischem Schnitt, warm und harzig, und darunter der andere Geruch, den Schnee hat, wenn er lange gelegen hat und schmilzt: irgendwie nach nassem Sand und Rost. Die Gatter liefen. Er hörte sie durch die Wand, ein gleichmäßiges Ziehen, das alle paar Sekunden im Ton absackte. Die Wand war die der alten Halle, und in der alten Halle lief nichts und lief seit Jahren nichts. Das Tor war zugerostet, über dem Ostgiebel war das Dach eingesunken, die Fenster hatten die Farbe von Staub. Gesägt wurde dahinter, in der neuen Halle, die ihre eigene Zufahrt von der Landstraße hatte und die man von der Abkippstelle aus nicht sah. Wer im Dorf vom Sägewerk sprach, meinte je nach Alter das eine oder das andere. Ove Sandberg hatte hinter ihm gehalten und war im Wagen geblieben. Lund ging die letzten Meter am Zaun entlang, nicht über die Fläche. Er setzte die Füße auf die feste Spur, die der Radlader über Monate gewalzt hatte. Er sah zuerst die Schuhe. Halbschuhe. Dunkles Leder, flache Sohle, an der Ferse abgelaufen. Er blieb stehen und sah sie an, länger als nötig, und schrieb sich nichts auf. Er schrieb sich nie das auf, was er ohnehin behielt. Die Frau lag auf der Seite, den Rücken zum Berg, halb noch in der Kruste. Eine dunkelblaue Jacke, Steppmuster, kein Winterfutter. Eine Hand war frei. Die andere steckte unter dem Eis. Der Schnee, der über den Winter auf ihr gelegen hatte, hatte sie zusammengedrückt und gehalten. Was das Wasser jetzt freilegte, legte es langsam frei. Lund atmete durch die Nase, zweimal. Fünf Monate, dachte er. Der Berg war seit dem ersten Räumtag gewachsen, und der erste Räumtag war vor dem ersten Advent gewesen. Er ging zurück zum Wagen und holte das Absperrband aus dem Kofferraum. Die Rolle lag dort seit Oktober, weil er sie im Oktober zum letzten Mal gebraucht hatte, und weil er es sich seither zweimal notiert hatte, eine neue zu bestellen, und es beide Male nicht getan hatte. Er spannte das Band vom Zaunpfosten zum Verkehrsschild und vom Verkehrsschild zur Ecke der Rampe. Für die vierte Seite reichte es nicht. Er ließ die vierte Seite offen und legte den Rest der Rolle auf das Wagendach, damit er daran dachte. Dann rief er Karlstad an. „Lund. Askeviken. Ich habe eine tote Frau am Sägewerk.“ Er hörte sich zu und fand, dass es sachlich klang. „Fundstelle ist die Abkippstelle für Räumschnee. Sie war unter dem Schnee. Ich sichere hier, bis ihr da seid.“ Der Kollege in der Zentrale fragte, ob eine Vermisstenmeldung vorliege. „Nein“, sagte Lund. Er steckte das Telefon ein und blieb am Wagen stehen, mit dem Rücken zur Fundstelle, weil man nicht die ganze Zeit hinsehen muss und weil ihm die alte Halle gegenüberstand. Sie war aus der Zeit, in der das Holz noch auf dem Wasser gekommen war. Bis Anfang der Neunziger hatten sie auf dem Klarälven geflößt, als letztem Fluss im Land, Stämme zu Tausenden, gebunden zu Flößen, die von Norden herunterkamen und in den Buchten gesammelt wurden, bevor die Werke sie holten. Lund hatte es als Junge noch gesehen: das Wasser voller Holz, so dicht, dass man dachte, man könne hinübergehen, und Männer mit langen Haken, die auf den Stämmen standen wie auf einem Boden. Dann kamen die Lastwagen, und die Flöße verschwanden in einem einzigen Sommer, und die Halle, die für das Holz vom Wasser gebaut war, hatte das Holz von der Straße nicht mehr gebraucht. Seitdem stand sie. Das Dorf hatte sie stehen lassen, weil Abreißen Geld kostet und Stehenlassen nichts, und weil hier niemand ein Gebäude abreißt, das noch ein Dach hat. Auf der Abkippstelle davor hatte der Räumdienst seit zwanzig Jahren seinen Schnee gelagert, weil die Fläche eben war und niemandem mehr gehörte, dem es etwas ausgemacht hätte. Im Frühjahr, wenn der Berg schmolz, kam alles zum Vorschein, was der Winter über die Straßen verstreut hatte: Splitt, Reifenstücke, ein Handschuh, einmal ein Fahrrad. Man ließ es liegen, bis die Gemeinde es holte, und die Gemeinde holte es, wenn sie dazu kam. Es war ein Ort, an dem Dinge abgelegt wurden, die keiner mehr brauchte. Lund drehte sich um. Ove Sandberg stieg aus, als Lund das Band gespannt hatte, und stellte sich neben den Kotflügel. Er trat nicht näher. Sein Wagen lief nicht, und die Fenster waren beschlagen; er hatte darin gesessen, ohne die Heizung anzulassen. „Wann warst du das letzte Mal hier?“, fragte Lund. „Mit einer Fuhre?“ „Mit einer Fuhre.“ „Dreißigster November. Zehn nach vier.“ Ove Sandberg sagte es ohne Pause. „Zwei Fuhren. Die zweite war die letzte im Monat.“ Lund sah ihn an. Der Mann sah zum Berg, nicht zu ihm. „Du hast nachgeschlagen“, sagte Lund. „Bevor ich gefahren bin.“ „Zeigst du es mir?“ Ove Sandberg ging zum Wagen, öffnete die Beifahrertür und nahm ein Heft vom Sitz. Karierter Umschlag, an den Kanten weich. Er hielt es einen Moment, bevor er es hergab. Lund schlug es auf dem Wagendach auf. Vier Spalten. Mit dem Lineal gezogen, jede Seite neu. Datum, Uhrzeit, Fuhre, Betriebsstunden. Keine Bemerkungen, keine Ausrufezeichen, keine Kürzel, die man hätte deuten müssen. Die Ziffern standen aufrecht und gleich groß, als hätte sie jemand gesetzt und nicht geschrieben. Er blätterte zurück. November. Ende November drei Zeilen an einem Tag, dann zwei, dann eine. Der letzte Eintrag im Monat: 30.11., 04:10. Er blätterte weiter nach vorn. Dezember. Januar. Februar. Die Fuhren wurden mehr, dann weniger. Im März brach es ab und lief nur noch am Rand weiter, Betriebsstunden ohne Fuhren. „Seit wann führst du das?“ „Betriebsstunden seit neunzehn Jahren“, sagte Ove Sandberg. „Fuhren mit Uhrzeit seit elf.“ „Warum mit Uhrzeit?“ Ove Sandberg schwieg. Er sah auf das Heft in Lunds Händen, so wie man auf etwas sieht, das man jemandem geliehen hat, von dem man nicht weiß, wie er damit umgeht. „Ich muss es einbehalten“, sagte Lund. „Ich weiß.“ Lund klappte es zu. Er schrieb auf den Rand seines eigenen Blocks eine Zeile, nummerierte sie und unterstrich die Ziffer nicht. „Wenn du in dem Winter jemanden hier gesehen hast“, sagte er. „Nachts sieht man nichts“, sagte Ove Sandberg. „Man sieht die Kante und den Zaun. Mehr braucht man nicht.“ Er drehte sich zum Berg. „Der Berg kriegt alles“, sagte er. „Gefragt hat er nie.“ Der Betriebsleiter kam über die Fläche, in Gehörschutz, den er im Gehen abnahm. Er blieb an der offenen Seite stehen, dort, wo das Band fehlte, und Lund merkte, dass er genau deshalb dort stand. „Soll ich abstellen?“ „Ja.“ Der Mann ging zurück. Nach zwei Minuten fiel der Ton in den Wänden ab, sackte, wurde ein Auslaufen, wurde nichts. Danach hörte Lund das Wasser. Es lief überall. Es lief unter dem Berg hervor, in dünnen Fäden über den Kies, sammelte sich in den Blechen und ging weiter Richtung Graben. Es lief in den Rinnen des Zauns und tropfte von den Querstreben. Es hörte nicht auf, es wurde nicht lauter und nicht leiser, es lief einfach, seit Tagen, und würde weiterlaufen, wenn hier alles vorbei war. Lund ging um die Fundstelle herum, zwei Runden, den Blick auf dem Boden. Keine Tasche. Kein Mantel. Kein Schirm, kein Schlüsselbund, kein Telefon. Er sah zum zweiten Mal auf die Schuhe. Wer im November in Halbschuhen aus dem Haus geht, geht nicht weit. Der geht zum Auto, zum Briefkasten, zum Schuppen, zur Tür des Nachbarn. Der hat eine Strecke vor sich, die er im Kopf schon zurückgelegt hat, bevor er losläuft. Und wer im November in Halbschuhen aus dem Haus geht, kommt zurück. Lund richtete sich auf. Über dem Hang stand der Himmel in dem grauen Weiß, das im April tagelang bleiben kann, ohne Regen zu geben. Aus dem Wald kam kein Ton. Auf der anderen Seite der Straße hing der Nebel in Streifen zwischen den Stämmen, tief, ausgefranst, und bewegte sich nicht. Er dachte den Satz, bevor er ihn abstellen konnte, und er dachte ihn nicht als Polizist. Fünf Monate. Und es hat gereicht, dass keiner gefragt hat. Agnes Nyberg kam zu Fuß. Sie musste die Backstube um kurz nach halb sieben verlassen haben, sie hatte die Schürze noch um und darüber eine Jacke, die ihr zu groß war. Sie kam die Straße herunter, nicht schnell, und blieb am Band stehen, dort, wo es gespannt war. Lund ging hin. „Ist sie's?“, fragte Agnes Nyberg. Er antwortete nicht. Sie sah an ihm vorbei zum Berg, dann auf ihre Hände. Sie hatte Mehl an den Fingerknöcheln und einen Streifen davon am Ärmel. „Vergiss es“, sagte sie. „Ich hab nichts gesagt.“ „Agnes.“ „Ich weiß nichts, Henrik.“ Sie wandte sich zur Straße und blieb nach zwei Schritten stehen. „Ich mach ab vier auf“, sagte sie. „Wenn du was Warmes brauchst heute Nacht.“ Dann ging sie. Lund blieb am Band stehen und sah ihr nach, bis sie hinter der Hecke am Kirchplatz war. Er nahm seinen Block heraus und schrieb: 2. A. N., 06:52, ohne Anlass hier. Frage zurückgezogen. Er nummerierte die Zeile und steckte den Block ein. Wallin traf nach einer Stunde und zehn Minuten ein. Er blinkte an der leeren Kreuzung vor dem Werk, obwohl außer Lunds Wagen und dem des Räumdienstes nichts dastand, und stellte den Wagen so ab, dass die Türen zur Fläche zeigten. Hinter ihm kam der Wagen aus Karlstad mit den beiden von der Spurensicherung, und danach, in einem kleinen dunklen Kombi, die Rechtsmedizinerin. Sie ging als Erste zum Berg, mit einer Lesebrille an einer Kette, und sagte eine Viertelstunde nichts. Wallin stellte sich neben Lund. „Zweimal in achtzehn Monaten“, sagte er. Lund antwortete nicht. „Vermisstenmeldungen habe ich prüfen lassen. Ganze Kommune, seit Oktober.“ Wallin sah auf die Fläche, auf das Wasser, auf die Bleche. „Nichts. Keine einzige.“ „Ich weiß.“ „Du weißt es, oder du hast es angenommen?“ „Ich hätte sie gehabt“, sagte Lund. Wallin nickte langsam. Er sah zu dem Heft, das auf dem Wagendach lag, unter der Rolle Band. „Was ist das?“ „Fuhrenprotokoll. Räumdienst.“ „Wie weit zurück?“ „Uhrzeiten seit elf Jahren.“ Wallin nahm es, schlug es auf, blätterte. Er blätterte nicht wie einer, der etwas sucht, sondern wie einer, der eine Bilanz überfliegt und darauf wartet, dass eine Zahl nicht passt. „Der Mann führt einen Kalender“, sagte Wallin. „Er führt ein Heft.“ „Er führt einen Kalender.“ Wallin klappte es zu und hielt es fest. „Wenn sie unter dem Schnee lag, lag sie unter einer bestimmten Fuhre. Und jede Fuhre hat hier eine Uhrzeit.“ Er gab es Lund zurück. „Sag ihm, dass er es nicht wiederkriegt.“ „Er weiß es.“ Die Rechtsmedizinerin kam über die Fläche zurück, langsam, den Blick auf dem Boden, und blieb am Band stehen, ohne es anzuheben. „Sie liegt nicht so, wie sie gefallen ist“, sagte sie. „Sie ist abgelegt worden und dann überschüttet. Alles Weitere in Karlstad.“ „Wie lange?“, fragte Wallin. „Der Schnee hat konserviert. Fragen Sie mich morgen.“ Sie ging zu ihrem Wagen. Wallin sah ihr nach, dann über den Zaun, dann zum Werk, dessen Gatter nicht liefen. „Wer wohnt hier so, dass er im Winter in Halbschuhen aus dem Haus geht?“ „Jemand, der zurückkommen wollte“, sagte Lund. Am frühen Nachmittag brachten sie die Frau weg. Lund stand am Zaun, während sie über die Fläche fuhren, langsam, weil das Wasser die Spuren weich gemacht hatte. Der Betriebsleiter stand an der Rampe und nahm den Gehörschutz nicht wieder auf. Auf der Straße hielt ein Auto, fuhr weiter, hielt hundert Meter weiter noch einmal. Als der Wagen weg war, blieb der Berg, und er lag da wie ein Zeuge, der ausgesagt hat und nun nur noch darauf wartet, dass man ihn gehen lässt. Er war kleiner als am Morgen. Zwischen dem, was von der Kruste übrig war, und dem Kies lief das Wasser jetzt breiter, es hatte sich einen Weg zum Graben gesucht und ihn ausgewaschen, und in der Rinne lagen Splitt und Kiefernnadeln und ein Stück blaues Plastik. Lund holte die Rolle vom Wagendach und spannte die vierte Seite nicht. Er wickelte das Band ab, das er gespannt hatte, drehte es zu einem Knäuel und legte es in den Kofferraum, zu dem Rest. Dann setzte er sich ins Auto und nahm das Heft auf die Knie. Er schlug November auf und ließ es offen liegen. Vier Spalten, mit dem Lineal gezogen. Ein Mann, der elf Jahre lang zu jeder Fuhre die Uhrzeit geschrieben hatte, ohne dass es je jemand von ihm verlangt hatte. Er nummerierte eine neue Zeile in seinem Block und schrieb: 3. Sie liegt seit dem Advent unter dem Berg. Er sah auf die Zeile, bis die Tinte trocken war. Am Zaun hing das Wasser in Tropfen an den Querstreben und fiel, jeder Tropfen für sich, ohne Eile, und die Fläche vor dem Werk lag offen und leer und roch nach Sand, wie ein Strand, den das Meer verlassen hat. Irgendwo im Dorf hatte jemand fünf Monate lang gewusst, dass sie nicht mehr kam.

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Wer wissen will, wann der nächste Pegel fällt, bekommt es zuerst von mir. Der Värmland-Rapport erscheint selten und nur, wenn es etwas zu sagen gibt — einen Erscheinungstermin, eine Szene, die es nicht ins Buch geschafft hat, eine Karte des Nordufers.

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