Sommer

UFERLINIE

Leseprobe: UFERLINIE

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UFERLINIE Ein Värmland-Krimi über Besitz, Schweigen und eine Grenze, die nie dort verlief, wo alle sie vermuteten Kapitel 1 — Der trockene Rand Der See war zurückgegangen. Wo im Frühjahr noch Wasser gestanden hatte, lag jetzt Schlamm, getrocknet und in Platten gerissen, die Ränder hochgebogen, darunter heller Sand. Lund war seit dreiunddreißig Jahren auf diesem Posten. So weit draußen hatte er in der Nordbucht noch nie gestanden. Es roch nach totem Fisch und nach etwas Bitterem, Metallischem, das aus dem Grund kam. Das Hemd klebte ihm am Rücken, und es war noch nicht einmal elf. Norr lief voraus, den grauen Schnauzer dicht über dem Boden, und blieb alle paar Schritte stehen, um an etwas zu riechen, das Lund lieber nicht genauer ansehen wollte. Der Hund war langsamer geworden. Er lief steif in den Hinterbeinen und legte sich hin, sobald Lund stehen blieb. Lund kannte das von sich. Er hätte es nur nicht zugegeben. Vom Sägewerk kam das Geräusch der Gatter über das Wasser, gleichmäßig, ohne Pause. Sommerbetrieb. Der Geruch nach frischem Schnitt zog bis in die Nordbucht, Harz und warmes Holz, und mischte sich mit dem Modergeruch am Ufer zu etwas, das Lund den ganzen Vormittag nicht mehr aus der Nase bekam. Er ging die neue Uferlinie ab. Sie lag gut zwanzig Meter weiter draußen als die alte. Wo sonst das Schilf stand, war eine Bank aus Kies, hell und trocken, und darauf lag, was der See jahrzehntelang gehalten hatte: eine verrottete Reuse, zwei Autoreifen, ein emailliertes Schild ohne Schrift, ein einzelner Kinderschuh, bei dem er kurz stehen blieb und dann doch weiterging. Und Pfähle. Sie standen in einer Reihe, sieben Stück, schwarz und kurz, jeder etwa kniehoch, und liefen vom Kiesrücken schräg zum Wasser. Lund blieb stehen. Er kannte jede Bucht dieses Sees. Er kannte die Stege, und er kannte die, die es nicht mehr gab, weil er dreiunddreißig Sommer lang an ihnen vorbeigefahren war. In der Nordbucht hatte es nie einen Steg gegeben. Nicht an dieser Stelle. Auf keiner Karte, in keinem Gespräch. Er ging hin und hockte sich neben den ersten Pfahl. Beide Knie taten weh. Das Holz war unter der Schwärze noch fest. Er zog das Taschenmesser und schnitzte eine Kerbe hinein, drei Millimeter, mehr nicht. Kiefer, geteert. Die Oberseite war nicht gebrochen und nicht rund verwittert. Sie war glatt, und sie war schräg. Abgesägt. Lund richtete sich auf und ging die Reihe entlang, und dabei hielt er sich vor, was ein anderer ihm entgegnen würde. Wallin zum Beispiel, mit diesem Blick über den Brillenrand, der sagte, dass man gleich einen Satz zu viel gesagt hatte. Ein Steg wird alt und wird abgebaut. Ein Eigentümer sägt die Pfähle über dem Wasser ab, weil er die Bretter braucht. Ein Sturm bricht sie, ein Eisgang schert sie ab. Aber Eis bricht Holz, es schneidet es nicht. Ein Sturm hinterlässt Splitter, keine schräge Fläche in einem Zug. Und wer abbaut, zieht die Pfähle, weil ein Pfahl im Grund für den Nächsten ein Loch im Bootsboden ist. Wer einen Steg abriss, riss ihn ab. Wer einen Steg absägte, wollte, dass er verschwand, und hatte keine Zeit für den Rest. Er dachte an das Wort, das sein Vater dafür gehabt hatte, und ließ es, wo es war. Er zählte die Schritte vom letzten Pfahl schräg hinauf zum Waldrand. Achtzehn. Er zählte zurück und kam auf neunzehn, weil er über einen Reifen gestiegen war. Beim dritten Mal wieder achtzehn. Er schrieb es in das kleine Heft aus der Brusttasche. Er schrieb alles auf, seit sein Vater ihm beigebracht hatte, dass ein Ding, das man nicht aufschreibt, ein Ding ist, das man sich später ausdenkt. Norr bellte einmal, kurz, weiter oben am Hang. Der Stein stand da, wo der Kies in Erde überging, halb frei gespült, die eine Flanke noch im Boden. Granit, grau, an der Kante bemoost. Er reichte Lund bis übers Knie. Auf der Oberseite war ein Kreuz eingeschlagen, alt, breit, mit dem Meißel gemacht und nicht mit einer Maschine, und rechts daneben zwei Buchstaben, die der Frost über die Jahre fast abgetragen hatte. Lund kannte die Grenze zwischen Flurstück zwölf und Flurstück vierzehn. Er hatte in einem anderen Winter Wochen über alten Flurkarten gesessen, bis ihm die Augen brannten und der Kaffee neben ihm kalt geworden war, zweimal am selben Abend. Die Grenze lief oben durch den Wald, an der doppelstämmigen Kiefer vorbei, und traf das Ufer dort, wo heute der Weg endete. Der Stein stand nicht dort. Er stand vierzig Meter weiter nördlich. Lund sagte etwas, das er im Dienst nicht sagte, leise, und nur Norr hörte es. Er hockte sich wieder hin und legte die Hand auf das Moos. Es war warm von der Sonne und ganz trocken. Er zog es an einer Stelle ab, wo es sich schon von selbst gelöst hatte, und darunter kam der Granit heraus, sauber, mit einem hellen Streifen quer über der Flanke. Der Streifen war frisch. Lund sah ihn sich von zwei Seiten an und dann im Streiflicht, den Kopf so tief, dass die Sonne flach darüberlief. Wasser schleift rund. Eis schiebt und reißt und lässt Kratzer, die in eine Richtung laufen und am Ende auslaufen. Dieser hier hatte eine Kante am Anfang und eine am Ende, und er war an beiden Enden gleich tief. Jemand hatte an diesem Stein etwas abgekratzt, und nicht im letzten Jahrhundert. Lund blieb hocken, länger, als es nötig war, und länger, als seinen Knien recht war. Das Wasser lag hinter ihm ohne eine Bewegung, glatt und grau in der Mittagssonne, und die Gatter gingen weiter, ein und aus, ein und aus. Er dachte an einen Satz, den er seit dem Frühjahr nicht mehr gedacht hatte, und daran, dass er im Herbst zweimal an dieser Bucht vorbeigefahren war, ohne dienstlichen Grund. Hinter ihm klapperte ein Fahrrad über die Kiesbank. Das Mädchen vom Sägewerk bremste ein paar Meter vor ihm und stellte einen Fuß auf den Boden. Die Tochter des Betriebsleiters, zwölf oder dreizehn. Lund hatte sie im Winter am Absperrband gesehen, mit einer Mütze bis über die Augen. Sie war gewachsen, vor allem an den Beinen. Am Lenker hing ein Eimer, halb voll mit Muschelschalen. „Der Hund ist müde“, sagte sie. „Der Hund ist alt“, sagte Lund. Sie sah zu Norr hinüber, der sich in den Schatten des Steins gelegt hatte, und schob den Eimer zurecht. „Papa sagt, der See war noch nie so weit weg.“ „Dein Papa hat recht.“ „Er hat meistens recht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Sagt er.“ Lund musste fast lachen und ließ es. Sie kam zwei Schritte näher und blieb wieder stehen. Sie sah nicht den Hund an, sondern den Stein. „Der war letztes Jahr auch schon da“, sagte sie. „Letztes Jahr stand hier Wasser.“ „Nicht ganz hier. Da vorne.“ Sie zeigte mit dem Kinn schräg zur Bucht hinaus. „Im August war es schon trocken bis zu den Stangen. Ich hab da Muscheln gesucht.“ „Und der Stein?“ „Da war ein Mann. Der hat gearbeitet.“ Sie sagte es beiläufig. Lund stand auf. Langsam, weil Kinder aufhören zu reden, wenn Erwachsene zu schnell aufstehen. Und weil seine Knie ohnehin nichts anderes erlaubt hätten. „Was hat er gemacht?“ „Gegraben.“ Sie dachte nach. „Und dann hat er was reingeschüttet, aus einem Sack. Das hat gerasselt.“ „Wie Zement?“ „Nee. Lauter.“ Sie schaukelte das Rad zwischen den Knien. „Wie Kies, wenn er von der Schippe fällt.“ Lund sah auf den Boden vor dem Stein. Er unterschied sich durch nichts vom Rest des Ufers. Genau das gefiel ihm nicht. „Kanntest du ihn?“ „Nee.“ „Hatte er ein Auto?“ „Einen Anhänger. Ohne Auto.“ Sie überlegte. „Also, das Auto war bestimmt irgendwo. Der Anhänger stand oben am Weg.“ „Hat er was gesagt?“ „Ich hab gefragt, ob ich helfen kann.“ Sie setzte den Fuß aufs Pedal. „Er hat gesagt, ich soll nach Hause fahren.“ Sie stieß sich ab, rollte einen Meter und bremste noch einmal. „Er hat gewusst, wie ich heiße“, sagte sie. Dann fuhr sie, drehte sich im Sattel um und hob zwei Finger. Lund hob zwei Finger zurück. Das Klappern wurde hinter dem Kiesrücken leiser und ging im Ton der Gatter unter. Er schrieb es in sein Heft, ohne einen Satz daraus zu machen, und den letzten Teil in Anführungszeichen, weil man Sätze von Kindern wörtlich aufschreibt oder gar nicht. ✳ ✳ ✳ Ove Sandberg saß im Schatten seiner Werkstatt und wickelte eine Kette. Es war der einzige Schatten weit und breit. Auf dem Vorplatz stand die Hitze so dicht, dass die Luft über dem Kies flimmerte und der Räumwagen dahinter verschwamm. Der Räumdienst ruhte im Sommer, Ove nicht. Er fuhr Kies, er fuhr Holz, er fuhr, was gefahren werden musste, und die Werkzeugwand hinter ihm hatte für jedes Stück einen aufgemalten Umriss, damit man sah, was fehlte, ohne suchen zu müssen. „Kaffee ist von heute Morgen“, sagte Ove. „Geht schon.“ Ove goss ein und stellte die Kanne zurück auf genau ihren Fleck. Der Kaffee war bitter und heiß und schmeckte nach Blech. Lund trank ihn trotzdem aus, weil man bei Ove austrinkt. Er sah auf die Umrisse an der Wand und dachte an eine andere Wand, in einem Bauhof, im Winter, mit vierundvierzig Umrissen und einem, der nachgemalt war. Dann sagte er sich, dass ordentliche Männer nichts dafür können, dass es einmal einen gegeben hatte, der auch ordentlich war. „Der See“, sagte Lund. „Zwei Meter zehn unter Mittel. Gestern früh.“ Ove wickelte weiter. „Ich messe am Pfeiler bei der Brücke, da sind noch die alten Marken drin.“ „Seit wann misst du?“ „Seit ich den Wagen habe. Zwanzig Jahre.“ Er legte die Kette hin und wischte sich die Hände an der Hose ab. „Es gab zwei Jahre, da war es ähnlich. Aber nicht so. So nicht.“ Lund stellte die Tasse ab. „In der Nordbucht liegen Stegpfähle frei. Sieben.“ Ove sagte nichts. Er nahm die Kette wieder auf. „Abgesägt“, sagte Lund. „Nicht abgerissen.“ Die Kette lief durch Oves Hände, Glied für Glied, und man hörte sie klicken. Draußen fuhr ein Lastwagen die alte Sägewerksstraße hoch, und der Staub stand danach noch lange in der Luft, gelb im Gegenlicht. „Ich hab da als Junge geangelt“, sagte Ove. „An dem Steg?“ „Von dem Steg.“ Ove hängte die Kette an ihren Umriss. Sie passte auf den Millimeter. „Der gehörte zu dem Haus, das nicht mehr da ist. Und bevor du fragst: Auf keiner Karte, die ich je gesehen habe, gehörte da irgendwem irgendwas ans Wasser.“ „Wer hat ihn abgesägt?“ „Das war, als du noch neu warst.“ Ove drehte sich um und sah ihn zum ersten Mal an. „Gefragt hat damals keiner. Du auch nicht.“ Lund hielt den Blick aus. Es kostete ihn mehr, als er gedacht hätte. Er wartete. Er hatte früh gelernt, dass die dritte Runde die einzige ist, in der etwas gesagt wird, und dass man sie nicht herbeireden kann. „Ove“, sagte er schließlich. „Wer bestellt bei dir Kies an eine Bucht, in die kein Weg führt?“ Ove ging zum Tisch und zog eine Kladde aus dem Stapel, kariert, das Deckblatt fleckig. Er blätterte, und Lund sah Spalten, Uhrzeiten, Betriebsstunden, sauber untereinander, die Linien mit dem Lineal gezogen. „Ich schreibe Fuhren auf“, sagte Ove. „Seit zwölf Jahren mit Uhrzeit. Davor nur die Menge.“ Er hielt den Daumen auf eine Zeile. „Letzten August war ich zweimal an der Nordbucht. Zwei Tonnen, gebrochen, sechzehn bis zweiunddreißig.“ „Wer hat bestellt?“ „Da steht kein Name.“ Ove sah auf das Blatt, nicht auf Lund. „Bar bezahlt. Ich hab den Zettel geschrieben und keinen Namen draufgesetzt.“ „Warum nicht?“ Ove klappte die Kladde zu und legte die Hand flach darauf. „Weil ich gefragt worden bin, ob es auch ohne geht“, sagte er. „Und weil ich Ja gesagt habe.“ „Von wem?“ „Am Telefon.“ Ove nahm die Hand von der Kladde, legte sie wieder hin. „Ich kenne in diesem Ort jede Stimme, Henrik. Frag mich das nicht heute.“ ✳ ✳ ✳ Die Wache roch nach heißem Kunststoff. Die Fenster waren seit Tagen zu, und drinnen stand die Luft. Es war Mittwoch, also war sie seine. Dienstags und donnerstags saß seit dem Winter die Kollegin aus Karlstad an diesem Tisch, eine halbe Stelle, die er zwölf Jahre lang nicht beantragt hatte und dann, mit einer Begründung auf vier Seiten, doch bekam. Ihr Kugelschreiber lag noch quer auf der Unterlage. Lund legte ihn in die Schale, kurbelte die Fenster auf und breitete die Flurkarte über den Besprechungstisch, dieselbe Karte, die er in einem anderen Winter schon einmal ausgebreitet hatte. Das Papier hatte an den Faltkanten Risse. Er legte das Lineal an. Er maß die Strecke vom Wegende bis zur doppelstämmigen Kiefer und rechnete den Maßstab um, zweimal, weil er beim ersten Mal zu schnell gewesen war. Dann setzte er den Finger auf die Stelle, an der der Stein stehen musste, und auf die Stelle, an der er stand. Vierzig Meter. Vielleicht zweiundvierzig. Vierzig Meter Ufer sind kein Ufer. Vierzig Meter Ufer sind ein Zugang zum Wasser, und ein Zugang zum Wasser ist der Unterschied zwischen einem Waldstück und einem Grundstück, das man verkaufen kann. Er dachte an das Ferienhaus, das heute auf Flurstück vierzehn stand, und daran, wie selbstverständlich es dort stand. Er zog das Heft heraus und schrieb es auf. Dann blätterte er zurück, weiter, als er wollte, bis zu den Seiten aus dem Frühjahr, aus den Wochen, in denen Oves Fuhrenheft auf Wallins Tisch gelegen hatte, und blieb an einer Zeile hängen, die er selbst geschrieben hatte und an die er sich nicht erinnerte. Der Kies. Zwei Tonnen im letzten August, an eine Bucht, in die kein Weg führte und in der es nichts zu befestigen gab. Es sei denn, jemand hatte etwas gesetzt, das stehen bleiben sollte. Lund sah auf die Karte, auf die vierzig Meter, die dort nicht eingezeichnet waren, und dachte an ein Mädchen mit einem Eimer voller Muschelschalen. Der Mann hatte gewusst, wie sie heißt. Dann war er von hier.

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Wer wissen will, wann der nächste Pegel fällt, bekommt es zuerst von mir. Der Värmland-Rapport erscheint selten und nur, wenn es etwas zu sagen gibt — einen Erscheinungstermin, eine Szene, die es nicht ins Buch geschafft hat, eine Karte des Nordufers.

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